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MAJOLIKEN DES "STILE COMPENDIARIO"

Zu Beginn der zweiten Hälfte des 16. jahrhunderts trat in der Majolikakunst Faenzas, die in figürlicher Darstellung und Ornamentik ein erstaunliches dekoratives und chromatisches Niveau erreicht hatte, ein tiefgrelfender Wandel ein, der einen Majolikatypus, die sogenannten bianchi di Faenza, und einen neuen Stil, den stile compendiario *, hervorbrachte.
Zu diesem Abschnitt ist ausgiebiges Quellenschriftenund Objektmaterial erhalten. Ihren Namen verdanken die bianchi der chrakteristischen, stark deckenden Weißglasur. In der Bemalung reduziert sich die schwelgerische, leuchtende Farbskala der vorangegangenen Jahrhunderthälfte auf ein durch Verdünnung abgestuftes Tiefblau und zwei Gelbtöne (Hellgelb und Orange). Dadurch verlagert sich der Akzent wieder auf die Formen, während gleichzeitig die Oberflächenbeschaffenheit gößeres Gewicht gewinnt und das Dekor zu überaus schwereloser, zarte Ornamentierung findet.
Die Erzeugnisse der neuen Stilphase eroberten rasch den Markt und behaupteten sich über ein Jahrhundert lang.
Neben den üblichen Gebrauchsgegenständen (Teller, Näpfe, Schenkkrüge) entsteht nun phantasievolles Tafelgeschirr mit ungewöhnlichen Formen und Umrissen (Crespine, gerippte oder goudronnierte und durchbrochene Obstschalen) sowie extravaganter Zierrat und Prunkstücke, zu denen meist Schöpfungen der Silberund der Bronzekunst Modell standen (Zierobelisken, Schreibzeuge in Käfigform, Flaschenständer auf Löwenklauen, von Harpylen und Delphinen getragene Saizgefäße u.ä).
Die warmen, dichten Weißtöne der starken Glasurschicht runden auch die hartkantigen, auf metallenen Formen gegossenen Profile ab. Das Dekor beschränkt sich auf schlichte Figuren, Putten, Wappen, federleichte Girlanden, alles skizzenhaft umrissen, leichthändig hingeworfen (daher die Bezeichnung stile compendiario = etwa: summarischer Stil).
Der durchschlagende Erfolg des stile compendiario, zu dessen wichtigsten Vertretern Virgiliotto Calamelli, Leonardo Bettisi («Don Pino» genannt) und die Dalle Palle zählen, gab den Majolikawerkstätten Faenzas ungeheuren Auftrieb, und der Wirkungsbereich der lokalen Meister dehnte sich bald weit über die Grenzen der Stadt aus Faentiner Künstler waren nachweislich in Verona, Turin und Genua, in Frankreich, Holland und Osteuropa tätig. Im Ausland erfreuten sich die bianchi di Faenza so großer Beliebtheit, daß die geographische Benennung «Fayence» von der zweiten Hälfte des 16.
Jahrhunderts an für majolidaderamik überhaupt gebräuchlich wurde.

* Der Ausdruk bezeichnet ursprünglich eine Stilphase der römischen Malerei (gegen Ende des 1. Jh. n. Chr.), die ähnlich wie die vorausgegangene hellenistische Kunst die Formen knapp umrelßt. Ballardini hat ihn auf die Majolikamalerei übertragen.